Laufbericht 32. Berlin Marathon - 25.09.2005

[VWKGJ]

Die letzte Phase der Vorbereitung war nicht ganz i.O. 2 Wochen vor Tag X, konnte ich noch spontan 5 Tage Motorrad Urlaub in den frz. Alpen einlegen. Das war ziemlich heftig, 2500km in 5 Tagen. Das hat die Beine auch sehr belastet. Mein letzter geplanter langer Lauf lief auch nur suboptimal. Nach knapp 25 km habe ich den lustlos beendet.
Deshalb war das schlechte Gewissen bzgl. der Vorbereitung schon da.
Nach der Teilnahme am Frühstückslauf am Samstag , kommt dann auch noch ein Ziehen in der rechten Wade hinzu. Naja, Voltaren drauf und gut ist. Da dies ja meine Marathon-Premiere ist, bin ich deswegen aber dementsprechend nervös.

[Das Rennen]

Der Wettergott meint es gut mit Michael, meinem Mit-Marathon-Erststarter und dem Rest der 40000.
Strahlend blauer Himmel, wahrscheinlich wirdís in der 2. Hälfte um die Mittagszeit ziemlich warm werden.
Aber für die Zuschauer und damit der Stimmung an der Strecke istís einfach genial.
Um 9 Uhr erfolgt der Startschuss und 20 Minuten später können wir Neulinge im Startblock H die Startlinie auch überqueren. Durch den fliegenden Blockstart, kommt das Feld nach dem Start überraschend gut ins Rollen. Noch schnell die Stopuhr gedrückt und Fahrt aufnehmen. Mein Marathon-Abenteuer hat begonnen.
Der Plan ist es, nicht zu schnell anzugehen, d.h. mich nicht durch Schnellstarter anstecken zu lassen und nach ca. 5 km zu schauen, wie ich in der Zeit liege. Ich will als Richtschnur 5:40er Zeiten laufen, was auf eine Zeit knapp unter 4 Stunden herauslaufen würde.
Die ersten 5-6 km laufen super. Ich habe ungefähr 1 Minute in der Startphase auf meinen Zeitplan verloren. Alles im grünen Bereich. Es macht richtig Spaß. Meine KM Zeiten liegen knapp über 5:40. Und die rechte Wade meldet auch keine Probleme.
Michael hat sich schon am Anfang verabschiedet. Er peilt bei seinem Debut die ehrgeizige Zeit von 3:30 an.
Die Strecke führt an den bekannten Berliner Sehenswürdigkeiten vorbei. Zuerst läuft man 2 km auf der Straße des 17. Juni, an der Siegessäule vorbei. Danach einen Bogen zurück zum Kanzleramt und dann Richtung Alexanderplatz mit dem roten Rathaus.
Bei km 8 komme ich mit einem Pärchen ins Gespräch, die Shirts vom Köln Marathon vor 2 Wochen anhaben. Er aus Köln, sie aus Berlin, ist dies ihr 2. Marathon innerhalb von 2 Wochen. Mann oh Mann, ich hoffe, das klappt. Und er will im November noch in New York laufen. Respekt. Meine Beine sind weiterhin locker, es läuft. Ich geniesse den Lauf und beobachte Läufer/innen und Zuschauer. In einer Kneipe sitzen 3 Mann mit einem überdimensionalen Pilsglas. Das ist gemein. Die ersten Bands spielen am Straßenrand, mal eine Trommelgruppe, mal eine Jazzkombo. Die haben ihren eigenen Marathon vor sich und werden heute abend auch wissen, was sie getan haben.
Bei km 13 spricht mich jemand an, "So, Meßstetten läuft also auch mit". (Auf dem Rücken unser Shirts steht "Meßstetten (unser Heimatort) grüßt Berlin"). Der Mitläufer kommt aus Nusplingen, ein Nachbarort unserer Heimatstadt. So klein ist die Welt. Leider bekomme ich seinen Namen nicht genau mit. Viel Glück wünsche ich ihm und er mir.
Zwischen km 13 und 20 ist es ein toller Genusslauf durch Kreuzberg, Neukölln und Schöneberg. Meine Zeiten sind stabil zwischen 5:30 und 5:35 und bei km 20 habe ich den Anfangsrückstand aufgeholt und bin 1 Minute im Plus.
Aber irgendwie ist mir hier schon klar, daß ich die Konstanz oder sogar Endbeschleunigung nicht drauf habe und dass es wahnsinnig knapp wird mit sub4.
Der Halbmarathon war dann auch bald geschafft. Bergfest. Jetzt gehtís nur noch abwärts, im übertragenen Sinne. Naja, so langsam wirdís wirklich schwerer.
Nächstes Zwischenziel ist der Platz am wilden Eber. Hiervon habe ich schon viel gehört und mich dementsprechend drauf gefreut. Riesenstimmung, Sambarhythmen. Schon 1 km vorher wird die Musik über Boxen übertragen und kündigt den Platz an. Die Stimmung ist dann auch genial. Eine Unmenge von Menschen, Sambatänzerinnen und eine Cheerleadergruppe. Irgendwo hilft Dieter Baumann an der Getränkeausgabe aus. Leider istís dann auch viel zu schnell wieder vorbei.
Nach diesem Hoch folgt dann aber auch relativ schnell das erste Tief. Die Beine fangen an zu schmerzen. Die Sohlen brennen und, besonders unangenehm, die Schultern tun weh. Mist, so früh schon. War ich zu schnell am Anfang? Ich hab mich doch so gut gefühlt. Erst mal bis auf den Ku-Damm retten.
Und hier istís dann auch irgendwann soweit. Der legendäre Mann kommt, zwar nicht mit dem Hammer, sondern eher schleichend mit der Feile, aber es ist nicht zu leugnen, spätestens bei km 34 ist er da. Und es ist noch ewig weit bis ins Ziel.
Bei der nächsten Verpflegungsstation lege ich dann auch zum 1. Mal eine Gehpause beim Trinken ein. Bisher konnte ich das immer im Laufen erledigen, aber jetzt brauche ich eine Pause. Das Loslaufen danach ist aber extrem schmerzhaft. Lange Rede, kurzer Sinn, jetzt hat der eigentliche Marathon begonnen. Nun muß der Geist den Körper bezwingen. Der Blick konzentriert sich auf die Straße, die Zuschauer nehme ich immer weniger wahr. Ich zwinge mechanisch die Füße einen vor den anderen, ich lebe von Kilometer zu Kilometer.
Die sub4 Zeit ist auch seit der Gehpause dahin. Jetzt ist sub4:10 das Ziel.
Gedanken wie "Aua, das war wohl mein erster und letzter Marathon" kommen mir in den Sinn. Oder "Mist, Michael ist jetzt schon im Ziel. Der hatís gut". Oder "Boah, das es so weh tut, hätte mir ja jemand sagen können".
Nächstes Zwischenziel ist km 39. Ab hier kenne ich die Strecke. Hier standen wir gestern bei den Inlinern.
Ich mache eine weitere relativ lange Gehpause am nächsten Verpflegungspunkt. Und noch eine am Potsdamer Platz. Deutlich an den Zwischenzeiten zu erkennen. Das Loslaufen nach der letzten fällt mir extrem schwer. Ich beschließe bei der letzten Tränke durchzulaufen und im Laufen einen Becher zu schnappen.
Km 39 ist da. Es geht mir wieder etwas besser. Ab jetzt geht mir nur noch ein Gedanke durch den Kopf "Mit Würde ins Ziel kommen".
Bei km 40 hole ich mir den Becher im Laufen. Gut, das hat geklappt.
Kurz bevor es am ehemaligen Palast der Republik Richtung unter den Linden geht, höre ich die Zuschauer rufen "Ihr seid super. Weiter so". Vielen Dank, aber ich raune einem Mitläufer zu "Ja, aber uns gehtís scheiße". Er stimmt mir mit einem gequältem Lächeln zu.
Einbiegen auf die Prachtstraße Unter den Linden. Noch knapp 2 km. Das Brandenburger Tor kommt in Sicht. Aber es scheint sich zu entfernen, anstatt näher zu kommen. Die Zuschauermenge wird dichter und dichter. Viele warten hier auf Freunde und Verwandte. Schade, wir haben leider niemanden dabei. Ich klatsche ein paar Kinderhände ab.
Endlich, nach einer weiteren Cheerleadergruppe ist das Tor erreicht und durchquert. Noch ein paar Hundert Meter.
Hier sorgt ein Kommentator für Stimmung. Und das passt perfekt. Er lässt das Publikum genau in dem Moment, in dem ich ankomme, kurz verstummen und zählt dann für einen gemeinsamen Riesenjubel herunter.
5-4-3-2-1-0 Und die Zuschauer geben alles. Super. Klasse. Gänsehaut. Danke.
Das ist der Moment, auf den ich 42 km gewartet habe. Jaaaaaaa.
Ich hebe die Arme zum Jubel und lache glücklich in die nächste Kamera. Ich überquere die Ziellinie und stoppe meine Uhr Ė 4:07:40.
Marathon. Ich!
Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Da war die Idee noch nicht mal ansatzweise geboren.
Ich kanns noch gar nicht fassen. Bin ich happy? Erst mal noch nicht. Der Körper meldet sich zuerst. Aber spätestens, als ich meine Medaille bekomme, habe ich eine bescheuertes Grinsen auf dem Gesicht.
Die Sonne lacht, ich lache, alle lachen. Wenistens einigermaßen.
Ich bin ein Thoni, ein Marathoni !
Michael treffe ich kurz darauf. Er hat mit 3:37 gleich eine Bomben-Zeit bei seinem Debut hingelegt. Glückwunsch

FAZIT: Geiles Rennen. Super organisiert, geniale Zuschauer. Spitzen Wetter. Habe ich was vergessen?
Ja, den Spruch eines Mitläufers im Ziel, "Der Schmerz geht, der Stolz bleibt". Er hat ja so recht.
Wir sehen uns 2006. Die sub4 Grenze ist Grund genug.

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